Eigene Räume. Und echter Respekt.
- Jennifer Sabejew

- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit
Mein letzter Blogbeitrag ist inzwischen ein gutes halbes Jahr her.
Und ja, das hatte Gründe.
Die letzten Monate waren für mich eher eine Zeit des Beobachtens, Einordnens und Reflektierens. Über Beziehungen. Über gesellschaftliche Entwicklungen. Über Datingkultur. Und über die Frage, was Menschen heute oft suchen, vermeiden, verwechseln oder vielleicht längst aus dem Blick verloren haben.
Gerade weil aktuell so vieles emotional aufgeladen wirkt, wollte ich keinen schnellen Kommentar schreiben, sondern einen Text, der tiefer geht. Und auch meine Erfahrungen aus dem Austausch mit den vielen Menschen, die ich in den vergangenen zwei Jahren interviewen durfte, zu ihren teilweise intimsten Lebensthemen, haben mich dazu gebracht, mich nochmal ein bisschen intensiver mit der komplexen Thematik von Beziehungen auseinanderzusetzen.
Zwischenzeitlich ist dadurch nicht nur ein Buch entstanden, sondern mir ist einiges viel bewusster geworden.
Wir müssen dringend umdenken. Umhandeln. Und in Bewegung kommen. Denn es geht um das wichtigste Thema überhaupt: die Liebe. Und wir alle wollen doch tatsächlich in Wahrheit auf jeden Fall und im Wesentlichen eines: uns Hals über Kopf in die wahre echte Liebe stürzen können.
Deshalb teile ich heute diesen Beitrag mit Euch. Er ist daher kein Kommentar zu einer einzelnen Geschichte, sondern ein Blick auf etwas Grundsätzlicheres: den eigenen inneren Raum, den Respekt vor dem Raum des anderen und die Würde, die echte Beziehung ausmacht.
In der Hoffnung, dass er bewegt. Oder zumindest dazu anregt, etwas in Bewegung zu bringen.
Ich danke jedem, der sich die Zeit zum Lesen nimmt. Von Herzen.
Eigene Räume. Und echter Respekt.
Manchmal braucht es gar keine konkreten Namen, keine einzelnen Fälle, und auch nicht noch mehr Details, um zu spüren, dass gerade etwas in unserer Gesellschaft aufbricht. Das schon zu lange unter einer scheinbar glatten oder heilen Oberfläche vor sich hin brodelte.
Es liegt etwas in der Luft. Es erhitzt Gemüter, löst Diskussionen aus, triggert Erinnerungen, alte Verletzungen, Unsicherheiten, Wut, Betroffenheit, und wahrscheinlich bei nicht wenigen auch mehr als nur ein mulmiges Gefühl. Hier kommt endlich etwas ans Licht, was schon viel zu lange im Verborgenen gegärt hat.
Genau deshalb möchte ich den Blick auf etwas richten, das in Beziehungen meiner Meinung nach viel zu oft unterschätzt wird, obwohl es so immens wichtig ist:
Den eigenen inneren Raum, heiligster Tempel und das Kostbarste überhaupt, zu wahren. Zu pflegen. Und wertzuschätzen.
Klingt vielleicht erstmal simpel. Wird aber leider viel zu häufig total unterschätzt oder übergangen. Wer sich selbst nicht in der Tiefe achtet, wird auch andere nicht wirklich respektieren können. Denn ganz ehrlich: Wäre dieser eigene innere Raum sorgsam und würdevoll gepflegt - könnte man es dann auch nur ansatzweise erwägen, derartige Absurditäten selbst nur gedanklich zu vollziehen, von denen es einfach mittlerweile viel zu viele gibt? Ich halte das für enorm entscheidend.
Sind uns Reflexion, Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein wirklich so fremd geworden?
Wie bereit sind wir, da hinzuschauen? Nicht auf Geschehnisse und das Verhalten anderer auf Bildschirmen oder im allgemeinen Trubel dort draußen, sondern ganz simpel: bei uns selbst.
Sich um die eigene Seele kümmern. Damit uns die Fähigkeit nicht abhandenkommt, mit unseren Nächsten respektvoll und würdevoll umzugehen.
Haben wir das wirklich bereits verlernt?
Sobald Gefühle im Spiel sind…
… wie auch Nähe, Verbindung, Sehnsucht, Verlustangst, Eifersucht, alte Verletzungen, Kontrollbedürfnis oder ein nicht wirklich verarbeiteter Schmerz…
… kann gerade das für einige zu einer echten Herausforderung werden.
Dann wird oft aus Interesse irgendwann Kontrolle. Aus Nähe Vereinnahmung. Aus Unsicherheit Grenzüberschreitung. Und aus dem eigentlichen Wunsch nach tieferer Verbindung etwas, das mit Liebe nicht mehr viel zu tun hat.
Genau da lohnt es sich, hinzuschauen, und ganz ehrlich mit sich selbst zu sein.
Was bedeutet es eigentlich, in einer Partnerschaft Raum zu lassen?
Das muss nicht zwangsläufig Distanz oder Abkühlung mit sich bringen. Oder emotionale Unerreichbarkeit. Und heißt auch nicht, jeder macht einfach seins und man lebt halt so nebeneinander her.
Ganz im Gegenteil. Es schafft viel mehr Verbindung. Denn es bedeutet, dass zwei Menschen sich so viel Wert sind, dass sie begreifen, was Liebe wirklich ist. Nämlich kein Besitz. Und auch keine automatische Befähigung, in die intimsten inneren Räume des anderen ungefragt hineinzulaufen, nur weil man in Beziehung ist.
Liebe ist kostbar. Ein Schatz. Genau so sollten wir nicht nur das eigene Leben, sondern auch diesen besonderen Menschen neben uns wahrnehmen. Und dieses Wort nicht nur als Floskel in die Luft hauchen.
Dass uns jemand seine kostbare Nähe schenkt, heißt nicht, dass wir darüber verfügen können. Wenn er genau dir sein Wertvollstes so hingebungsvoll und großzügig entgegenbringt, darfst du mit diesem Geschenk entsprechend würdevoll umgehen.
Und ja, natürlich sollte eine gute Beziehung von Nähe geprägt sein. Im Sinne von Tiefe. Offenheit. Vertrauen. Geteilte Räume. Geteilte Gedanken. Geteilte Verletzlichkeit. All das ist aber nur dann wirklich wertvoll, wenn es mit Respekt und freiwillig geschieht.
Freiwilligkeit. Darin steckt Freiheit. Das wirkliche Wollen. Und sollte von tiefer Würde geleitet sein.
Sich einmal radikal ehrlich die Frage zu stellen, was diese Werte einem tatsächlich bedeuten, ist vielleicht einer der wichtigsten Schritte überhaupt. Echte Verbindung beginnt bei jedem selbst. Erst wer wirklich zumindest daran interessiert ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, kann bzw. sollte es meiner Meinung nach wagen, überhaupt mit einem anderen Menschen eine intensivere Beziehung einzugehen.
Denn sobald etwas übergangen, vertuscht, erzwungen, erschlichen, kontrolliert, manipuliert oder übergriffig „genommen“ wird, hat es nichts mehr mit ehrlicher, vertrauenswürdigen Verbindung zu tun. Und ohne diese kann echte Tiefe und Intimität, in die wir uns hineinfallen lassen können, ohne an Netz und doppelten Boden denken zu müssen - und nach der wir uns eigentlich in Wahrheit wahrscheinlich alle sehnen - überhaupt gar nicht erst entstehen.
Ich glaube fast, da liegt eines der großen Probleme unserer Zeit:
Viele Menschen haben nie wirklich gelernt, mit Unsicherheit, Zurückweisung, Kontrollverlust, Triggern oder innerer Leere gut umzugehen. Anstatt sich damit auseinanderzusetzen, wird übergangen. Hintergangen. In erster Linie sich selbst. Dann den direkten Nächsten. Und im Außen entsprechend gehandelt. Übergriffig. Impulsiv. Rechtfertigend. Teilweise heimlich. Teilweise ganz offen.
Und oft mit dem inneren Narrativ: „Ja, aber ich…“ „Ja, aber ich war verletzt.“ „Ja, aber ich hatte Angst.“ „Ja, aber ich wollte es verstehen.“ „Ja, aber ich wurde selbst schon enttäuscht.“
Versteh mich nicht falsch. Natürlich haben unsere Erfahrungen Einfluss auf unser Verhalten. Natürlich tragen wir alle Wunden in uns. Natürlich reagieren Menschen manchmal aus einem Schmerz heraus, der viel älter ist als die aktuelle Situation.
Aber. Und das ist ein großes Aber.
Ein Schmerz erklärt vielleicht etwas. Er entschuldigt nicht alles.
Wer verletzt wurde, hat nicht automatisch das Recht, Grenzen anderer zu verletzen. Wer betrogen wurde, darf nicht deswegen selbst übergriffig werden. Wer Angst hat, verlassen zu werden, darf nicht deshalb kontrollieren. Wer getriggert ist, darf nicht daraus ableiten, dass der andere nun seinen Eigenraum aufgeben muss. Das ist ein ganz zentraler Unterschied.
Auch hier möchte ich, wie ich das ja vor einiger Zeit begonnen habe, Schrott und Gold sortieren.
Schrott ist: Ungeheilte Themen als Freifahrtschein benutzen. Wenn Grenzüberschreitungen nachträglich romantisiert, relativiert oder psychologisch hübsch verpackt werden. Wenn aus mangelnder Selbstführung ein Chaos entsteht, das als Beziehung bezeichnet wird.
Gold ist: Sich selbst ernst nehmen, bewusst hinschauen und seine eigenen Trigger erkennen. Verantwortung übernehmen. Innehalten und nicht jedem Impuls nachgeben. Verstehen, dass Liebe ohne Respekt keinen stabilen Boden hat.
Eine gute Beziehung kann Halt geben. Sie kann heilsam sein. Und unglaublich schön. Jedoch ersetzt sie keine innere Arbeit. Sondern wächst und gedeiht durch diese.
Wer dabei die Grenzen des anderen nicht respektieren kann, ist meistens auch mit den eigenen Grenzen noch nicht wirklich in Frieden.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht nur: Wie nah kann ich jemandem kommen und wie nah lasse ich jemanden an mich ran?
Sondern geht noch eine Ebene weiter: Wie viel Eigenständigkeit, Würde, Anderssein, Privatheit und inneren Raum gestehe ich mir selbst zu?
Und wie viel kann ich dem anderen lassen, ohne mich damit unwohl oder davon bedroht zu fühlen?
Und woher kommt das?
Das ist Reife. Dadurch entsteht erst wahre Intimität. Und daraus entwickelt sich Beziehungskompetenz.
Was eine gute partnerschaftliche Beziehung ausmacht?
Die Bereitschaft, sich miteinander auseinanderzusetzen. Sich wirklich anvertrauen zu können. Wenn ein Nein als solches stehen bleiben darf. Wo Rückzug nicht sofort als Ablehnung gedeutet, und eigener Raum nicht als Liebesentzug missverstanden wird. Wo man nicht alles wissen, sehen, überprüfen und absichern muss, um sich sicher fühlen zu können. Ich finde, wir sollten alle genau darüber viel mehr nachdenken. Jeder für sich.
Nicht gleich nur lauthals reden über Red Flags, Skandale, Empörung und Schuld. Sondern mehr in der privaten Stille reflektieren.
Über Selbstführung. Über Integrität. Über Grenzkompetenz. Über Respekt. Über die Fähigkeit, intensive Gefühle zu spüren, ohne daraus Grenzüberschreitungen zu machen.
Liebe ist nicht Zugriff. Nähe ist nicht Besitz. Partnerschaft ist nicht Erlaubnis zur Entgrenzung. Intimität ist kein Raum, den man sich nimmt, sondern ein Raum, der sanft entsteht. Bewusst. Freiwillig. Respektvoll. Achtsam. Durch gegenseitige vertrauenswürdige Hingabe. Das heißt auch, Grenzen zu setzen, ohne hart zu werden. Grenzen zu respektieren, auch wenn es triggert. Nur Räume zu betreten, in die der andere wirklich mit offenem Herzen einlädt. Alles andere ist keine Tiefe. Kein Vertrauen. Und schon gar keine Liebe. Sondern eher ein Hinweis darauf, dass noch etwas angeschaut werden will. Und das ist ja auch okay. Aber dann bitte ehrlich. Und nicht auf Kosten eines anderen Menschen.
In diesem Sinne:
Wahre Beziehung zeigt sich nicht nur darin, wie nah wir einander kommen. Sondern auch darin, wie achtsam wir wahren, was dem anderen gehört. Und wie wir mit uns selbst umgehen.
Der innere Raum. Die Würde. Die Grenzen. Das Nein. Das Ja.
Genau hier beginnt dann vielleicht auch das, wonach wir uns doch im Grunde alle sehnen:
Nicht irgendeine Nähe. Sondern eine tiefe Liebe, die sich sicher anfühlt.
Dieser Text war mir wichtig.
Und vielleicht war genau das auch der richtige Wiedereinstieg hier im Blog.
Wie es mit Hook’d Signature konkret weitergeht und welche nächsten Schritte anstehen, dazu teile ich bald mehr.
Deine Jenny




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